die poesie des buchhalters
ulrike damm, zeichnungen

Auf beinahe 3000 Papierbögen, Zettel und Karteikarten hat Ulrike Damm ihre Roman-Trilogie übertragen. Drei Romane – drei Schriftkunstwerke, vereint in einer Installation. Der Bleistift hat die Romane neu geschrieben und die Kämpfe ihrer Charaktere ins Sprachbild gebracht.

Wenn Worte zu Bildern werden

„Drei Romane, in der Regel zwischen Buchdeckel gebracht, eine Manuskript-Bearbeitung, eigentlich erst viel später als Nachhall des Ruhms sichtbar, ein Aufschrei nach furchtbarem Geschehen, kurz gehört und dann im Inneren verborgen: all das erscheint als Schrift-Werk im Raum, an den Wänden einer Galerie, wird zum Bild und damit in jenem besonderen Sinn zu Kunst. Das Geschriebene gewinnt eine andere Ästhetik, geht durch das Material hindurch: eine Transformation des Literarischen zum Bildnerischen, nicht einmalig in der Kunstgeschichte, aber in dieser Radikalität doch neu.

Ein solch elementarer Versuch hat natürlich seine Ursprünge, von denen einige erwähnt werden sollen.

Zunächst die Diplomarbeit von 1983: eine 300 × 190 Meter große Montage auf Leinwand zum Thema ,Neue Musik‘. Handschriften, Zahlen, Zitate – mit der Schreibmaschine ausgeführt, Versatzstücke von Partituren und Farbstrukturen, alles hergeleitet von Klangerfahrungen und zusammengeführt zu einem – so die Lehrer – überzeugenden und zutreffenden Kunstwerk, getragen hauptsächlich von der Handschrift.

Danach, 1984, eine sechsmonatige Reise durch das damals recht unbekannte China. Ein Zeichenblock als Tagebuch. Wieder die Handschrift, dazu Skizzen aus dem Alltag und mit dem Pinsel gemalte chinesische Schriftzeichen von berückender Schönheit.
In Berlin erkannte Eckhard Siepmann, damals Direktor des innovativ arbeitenden Werkbundarchivs, das besondere Talent der Grafikerin Ulrike Damm und beauftragte sie 1988 mit der Gestaltung der Ausstellung ,Post Modern Talking‘, einem Projekt zur Kommunikation in einer sich wandelnden Gesellschaft. Das Besondere: Alle Texte und Beschriftungen wurden mit der Hand auf die Wände des Martin-Gropius-Baus geschrieben – ungewöhnlich, überzeugend und erfolgreich und mit dem Ergebnis, dass Ulrike Damm das Erscheinungsbild des Werkbundarchivs über Jahre durch Plakate, Publikationen und Ausstellungen mit prägte.

Und schließlich eine auf diesen Erfahrungen gründende Idee: ,Wie sieht Sprache aus?‘ (2010). Mit Studierenden einer Design-Klasse in St. Petersburg entwickelte Ulrike Damm folgende Versuchsanordnung: ein literarischer Text, dessen Inhalt den Studierenden nicht bekannt war, erklang in acht von Muttersprachlern gelesenen Texten, immer wieder. Die Aufgabe: zunächst in Form einer reduzierten Partitur Linie für den Klangverlauf zu zeichnen, dann ein Farbklima für die Sprachen zu entwickeln und in Formen zu binden und schließlich in Schwarz-weiß-Formen zu collagieren. Der angeleitete Prozess führte zu einem von allen akzeptierten Ergebnis, das in einer Präsentation dargestellt wurde. Es entstanden Bilder von überraschender Ästhetik, die in der Tat dem Englischen, dem Arabischen, Finnischen, Deutschen, dem Französischen usw. zuzuordnen waren.

Der Beweis ergab sich bei einer Wiederholung des Projekts mit deutschen Studierenden in Dessau (2011). Das jeweils Charakteristische der Sprache verband sich mit dem Wissen um die Kultur der Länder auf eigentümliche Weise. Der Klang der Sprachen führte zu Bildern.

Dass Ulrike Damm sich jetzt auch bei Alphabetisierungskursen für Geflüchtete engagiert, deren Muttersprachen aufnimmt, wieder mit Sprachbildern arbeitet, ist nur folgerichtig.

Das ist der eine Weg, der zu dieser Ausstellung geführt hat. Der andere ist gekennzeichnet von einer grundsätzlichen literarischen Begabung, erprobt in vielen kurzen und prägnanten Texten zu Themen ihrer Verlagsprojekte, zu den vielen Künstlerbüchern mit stets eigener Ästhetik.

Aber es mussten erst Ereignisse elementarer Art über Ulrike Damm hereinbrechen, damit sie den Mut fand, ihre Sprache wirklich in Gebrauch zu nehmen, zunächst um ihre Wut zu artikulieren, dann um sie zu analysieren und schließlich in Form von Romanen zu fassen.

,Ich bin nicht müde, ich bin verrückt‘ ist der Titel der ersten Arbeit. Das ist nicht der medizinische Bericht über den Verlauf einer Krankheit, sondern die Darstellung eines bedingten, auch gesellschaftlich bedingten Verlustes, der mit der Demenz einhergeht und mit dem Tod endet. Mit schmerzhafter Genauigkeit beschreibt sie den Weg an der Seite der Mutter, aus der vertrauten Umgebung in die liebevolle Abscheulichkeit des Heims. Absurd sind die Szenen, verrückt im Wortsinn.

Und immer wieder scheint durch, was die Krankheit erzeugt hat: ein Leben in den Fesseln einer bürgerlichen Existenz, voller ,Verabredungen‘, voller Zwänge, bestimmt von einer Über-Mutter und verdrängt durch eine Sucht.

Im mit der Hand geschriebenen Text sieht man bildhaft den Weg in den totalen Verlust. Die Schrift bricht aus, teilweise vulkanhaft, wird dann wieder still, um erneut zu zerbrechen, bis hin zum Verschwinden. Das hat etwas von einer ,Ästhetik des Widerstands‘: ein grausam wahres Kunstwerk.

Im zweiten Roman ,Musik stört beim Tanzen‘ wird der Spieß umgedreht: Ehe es zur zerstörenden Krankheit kommen kann, entscheidet sich die Protagonistin, die Zwänge zu fliehen, deren Komplexität sie nicht beherrschen kann, und sich einen Zwang aufzuerlegen, der in ihrer Hand liegt. Sie schweigt, lässt sich zu keinem Kommentar mehr bewegen, nimmt einfach an diesem dummen Spiel nicht mehr teil und wird folgerichtig für krank erklärt. Alles was im ersten Roman zwanghaft so verlaufen musste, wird nun kritisch in den Blick genommen, findet seinen Weg in ein Tagebuch. Die Protagonistin spürt, dass trotz aller Last ihr freier Wille wieder mit im Spiel ist, sie kleine Entscheidungen treffen, helfen, trösten, ja sogar offen lachen kann über die Eigentümlichkeiten, die ihr begegnen. Da wird der Text klug, nein philosophisch. Lebensweisheiten schleichen sich ein, die dann zutreffen. Ein hoffnungslos hoffnungsvoller Liebesroman, der die Verhältnisse ins rechte Licht rückt und wieder lebensfähig macht. Auch den Leser.

In der Ausstellung erscheint das Tagebuch auf 900 kleinen Zetteln, mal liniert, mal kariert, voll beschrieben. So schreibt man, wenn das Ziel nicht von Anfang an da ist, sich entwickelt. Das ist wohl die Wahrheit einer absurden Entscheidung.

,Die Poesie des Buchhalters‘, das dritte Buch, schließt sich geradezu notwendig an. Ein Paar, weder betroffen von Krankheit noch von Not, lebt ungestört aneinander vorbei. Er notiert sorgfältigst alle seine Bewegungen, schreibt sie oben an die Wände ihrer gemeinsamen Wohnung, macht sich, weil man ja nicht miteinander reden will, höchst verdächtig, bis die Frau eine Leiter nimmt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sie liest und kommentiert nun ihrerseits, ohne ihre Gedanken mit ihm zu teilen. Der Irrsinn des Alltags wird auf die Spitze getrieben. Das Absurde springt einen an. Und die Außenwelt: Da passiert nichts. Schließlich leben wir im Zeitalter der absoluten Subjektivität. Ist das auch eine Liebesgeschichte?

Im Schrift-Bild der Ausstellung sieht das so aus: Auf Karteikarten, eben wie ein Buchhalter, schreibt er alles auf. Doch die Worte wollen ihm nicht so recht folgen beim wohl unsinnigen Tun. Immer wieder springen sie aus dem Text, verirren sich, bekommen so eine unangemessene Bedeutung; das ,Und‘, das ,Aber‘, das ,Wie‘ und das ,Ob‘ werden wichtiger als der liebe Gott.
Und sie? Sie kommentiert in braver Schrift auf langen Zetteln, was sie da erfährt und auch nicht erfährt. Ein Drama wie das Warten auf Godot: realitätsnah, aber wirklichkeitsfremd. Ein hoch spannender Gesellschaftsroman, wohl auch ein Spiegel unseres Lebens.

Dann erlaubt uns die Gestalterin noch einen Blick in ihre Schreibwerkstatt: die Bearbeitung des Manuskripts von „Musik stört beim Tanzen“ bis zur endgültigen Fassung. Das sieht so recht nach Arbeit aus und hat aufklärerischen Charakter.

Das ist eine ungewöhnliche Ausstellung, die – wie alle gute Kunst – dem Realen, dem von uns Gedachten, eine neue, eigene Wirklichkeit gegenüberstellt. Das fordert den aufmerksamen Besucher, der sich einlässt, auch liest, überprüft, entdeckt. Der schnelle Blick der zu sehr Kunstbeflissenen hilft da nicht, zumal der ,Marktwert‘ schwer zu ermitteln ist. Wenn man sich aber auf diese große Arbeit einlässt, kann sie einen fesseln. Am Ende ist das dann kein Beitrag zur Mitleids-Seligkeit, sondern zur Aufklärung – eine für unsere Gegenwart wohl eher ungewöhnliche, vielleicht sogar ungeliebte Eigenart.“

Jochen Boberg

buchhalter
Herausgegeben von
Ulrike Damm
Hardcover
144 Seiten
96 Abbildungen
20 x 30 cm
20 Euro
ISBN 978-3-9818357-0-0

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