schweige wund das wort
anna achmatowa und ingeborg bachmann

»Wie immer bei der Liebe gibt es Gründe, die Menschen zusammen bringen, und wie immer kommt sie in überschwänglichen Herzens- und Erkenntnisblitzen, die zu diesem Buch führen, einem Buch, das der deutsch- und russischsprachigen Dichtung gewidmet ist. Dafür stehen vier Menschen, die sich in politisch schwierigen Zeiten auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder begegnet sind und lebenslange gegenseitige Verehrung, künstlerisch-kritische Auseinandersetzung und Freundschaft miteinander gesucht haben. Ich bewundere sie zutiefst. Und ich liebe ihre Gedichte. Es geht um Ingeborg Bachmann, Anna Achmatowa, Paul Celan und Ossip Mandelstam.

Zwei der berühmtesten Dichterinnen deutscher und russischer Sprache begegneten sich 1964 in Rom. In Verehrung widmete die junge Ingeborg Bachmann der russischen Dichterin Anna Achmatowa eines ihrer schönsten Gedichte. Als Mitglied der Jury reiste sie im Dezember nach Sizilien zur Preisverleihung des Premio Etna-Taormina, der in jenem Jahr Anna Achmatowa verliehen wurde. Dort trug sie der begeisterten Russin das Gedicht „Wahrlich“ vor. Während der stalinistischen Herrschaft zum Schweigen gezwungen, trafen Ingeborg Bachmanns Worte den Kern Anna Achmatowas heimlich entstandener Dichtung. Sie begegneten sich im Wissen um die Bedeutung des Schweigens: bei Anna Achmatowa, das von außen verursachte, gewaltsame Sprachverbot, bei Ingeborg Bachmann die künstlerisch-emotional bedingte Sprachlosigkeit; beides entsprach ihrer jeweiligen Lebenssituation.

Anna Achmatowas Werke wurden nicht mehr gedruckt, weil sie den kommunistischen Machthabern zu alltäglich war. Ihre einfachen Sätze trafen zu sehr ins Herz. Dennoch blieb Anna Achmatowa in Russland. Ihr Sohn und ihr Mann wurden inhaftiert, und viele ihrer Freunde kamen ums Leben. So auch der Dichter Ossip Mandelstam, ein in Warschau geborener Jude, der mit seinen Eltern früh nach St. Petersburg kam. Später gründete er mit Anna Achmatowa und ihrem Ehemann Nikolai Gumiljow die Dichtervereinigung der Akmeisten. Sie schrieben heimlich. In nächtelangen gemeinsamen Sitzungen lernten sie gegenseitig ihre Gedichte auswendig. Bis zu Mandelstams Tod blieben sie enge Freunde. Wegen konterrevolutionärer Aktivitäten wurde Ossip Mandelstam 1938 verhaftet und verurteilt. Er starb bei Wladiwostok in einem sowjetischen Lager. Seine Frau Nadeshda rettete viele seiner Gedichte durch mündliche Überlieferung.

Ingeborg Bachmann wurde in Österreich geboren. Als sie acht Jahre alt war, marschierten die Nationalsozialisten in ihren Heimatort Klagenfurt ein. Auch ihr Vater war Mitglied in der Partei. Als Dichterin wusste sie um die Unzulänglichkeit der Sprache. Das Grauen der nationalsozialistischen Herrschaft, wie sie es erlebt hatte, war zu groß für die Worte, die es hätten beschreiben sollen. Mit Anfang zwanzig traf sie auf Paul Celan, einen in Czernowitz geborenen deutschsprachigen Juden, dessen Eltern 1942 in einem Lager in Transnistrien umgekommen worden waren.

Beide, Bachmann und Celan, verarbeiteten das Drama der erlebten Kriegsjahre und dessen Folgen im Schreiben von Gedichten und Texten. Als sie sich 1948 trafen, war die Bachmann bereits in Österreich und Deutschland bekannt, Paul Celan hatte schon seine berühmte Todesfuge verfasst. Sie verliebten sich. Das Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit ihren ganz unterschiedlichen Familienbiographien und die Anteilnahme an der Entwicklung ihres jeweiligen Erfolges schuf zwischen beiden eine starke Verbindung, die sie im Laufe ihres Lebens immer wieder zusammen führte.

Der vielsprachige Paul Celan liebte die russische Literatur – besonders die Gedichte Ossip Mandestams. Er fühlte eine brüderliche Zuneigung zu ihm, dem er nie begegnet ist. Viele Gedichte Ossip Mandelstams übertrug Celan erstmals ins Deutsche. ›Im Grunde,‹ sagte er, ›bin ich wohl ein russischer Dichter‹. Nach dem Tod Anna Achmatowas sollte beim Piper Verlag ein Gedichtband von ihr erscheinen. Ingeborg Bachmann schlug für die Übersetzung Paul Celan vor. Der Auftrag war schon vergeben an den im Nationalsozialismus äußerst erfolgreichen Autor und ehemaligen HJ-Führer Hans Baumann. Ingeborg Bachmann verließ daraufhin den Verlag.

Die Gedichte und Texte von Ingeborg Bachmann, Anna Achmatowa und ihrer Dichterfreunde Paul Celan und Ossip Mandelstam zeigen, wie sehr sie im Schweigen verbunden waren. Eine Möglichkeit, der Wahrheit näher zu kommen, war dies nicht. Also wurde geflüstert und trotz allem weitergeschrieben. In ihrer poetischen Widerstandskraft fanden sie sehr eigene Worte, die uns das Geschehene niemals vergessen lassen. Dieses Buch soll ein weiterer Beleg dafür sein. Mandelstam schreibt, dass Gedichte den Dialog brauchen. Besonders in politisch schwierigen Zeiten, darf der kulturelle Dialog nicht abbrechen. Vielmehr hat die Kultur die Pflicht, Menschen zusammenzuführen und das Verständnis des jeweils anderen zu fördern. Die Bank ›Sankt Petersburg‹ ist unserem Anliegen erneut gefolgt, wofür wir dankbar sind.«

Ulrike Damm

kunst
Herausgegeben von
Ulrike Damm
Mit Übersetzungen von Alexander Nitzberg u.a.
Hardcover
144 Seiten
50 Gedichte und Texte (deutsch und russisch)
29 Abbildungen
21,5 x 28,6 cm
25 Euro
ISBN 978-3-981529470

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